Stadt Wien Podcast
Ein Podcast von und für alle Menschen, die in Wien leben. Hier hörst du Stimmen aus der Stadt zu relevanten Themen, die Wien bewegen.
Stadt Wien Podcast
Younion-Vorsitzender Christian Meidlinger über die Herausforderungen im öffentlichen Dienst.
Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.
In dieser Ausgabe begrüßen wir den Vorsitzenden der Gewerkschaft Younion und Wiener Landtagspräsidenten Christian Meidlinger.
Vom Lehrling bei den Wiener Verkehrsbetrieben im Jahr 1979 bis an die Spitze der Gewerkschaft und in das Präsidium des Wiener Landtags – Christian Meidlinger blickt auf eine eindrucksvolle Karriere im öffentlichen Dienst zurück. Im Gespräch teilt er persönliche Erfahrungen aus seiner Anfangszeit, spricht über die Bedeutung von Weiterbildung und erläutert, wie gelebte Sozialpartnerschaft und Verhandlungen auf Augenhöhe die Stadt Wien prägen.
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Das Fundament ist in der Lehrlingsausbildung gelegt worden und das hat mir ein bisschen die Augen geöffnet, was man mal besser erreichen kann.
Silvo GasserHerzlich willkommen bei einer neuen Folge des Stadt Wien Podcasts. Heute zu Gast bei Andrea Leitner, der Vorsitzende der Gewerkschaft Younion, Vertreter auch Gemeindebedienstete und Landtagspräsident Christian Meidlinger.
Andrea LeitnerLieber Christian Meidlinger, willkommen heute zu Im Gespräch mit Persönlichkeiten aus dem Wiener Rathaus. Bevor wir in die Fragenstellungen einsteigen, darf ich kurz zur Einordnung für alle, die zuhören, den Werdegang von Christian Meidlinger beschreiben. Es ist eine Bilderbuchkarriere im wahrsten Sinne des Wortes vom Lehrling bei den Wiener Verkehrsbetrieben, wo er 1979 begonnen hat und später dann zum großen Bundesvorsitzenden der Younion aufgestiegen ist, nämlich 2015, 2025 dann zum Präsidenten des Wiener Landtags bestellt wurde. Lieber Christian, ich habe schon gesagt, das ist ein unglaublicher Aufstieg zum großen Player in der Gewerkschaft. Welche Eigenschaften hat man als Lehrling gebraucht, um die anderen auf sich aufmerksam zu machen?
Christian MeidlingerAlso erst einmal Dankeschön für die Einladung. Und ja, ich glaube, es zeigt einfach die Möglichkeiten, die es gibt, auch in dieser Stadt für junge Menschen, dass man mit Ausbildung, mit Weiterbildung, aber auch auf der Sachebene, wenn man gut informiert ist, wenn man Weiterbildungsangebote annimmt und mit ein bisschen Glück, es in dieser Stadt auch relativ weit bringen kann. Und ich glaube, da können wir als Stadt, aber auch ich als Person durchaus sehr stolz darauf sein. Denn mir ist schon klar, dass nicht jeder das Privileg hat, in diese Funktionen zu kommen, in denen ich momentan bin.
Andrea LeitnerWas macht die Arbeit für dich so spannend?
Christian MeidlingerJa, es gibt einfach ein sehr buntes Themenfeld, das wir abzuarbeiten haben als Interessensvertretung, aber auch in der Politik, aber jetzt prima in der Interessensvertretung, das ist meine Heimat. Und es geht einfach darum, den Menschen, den Kolleginnen und Kollegen das Leben zu verbessern. Es gibt so viele Themen, die in einem Leben aufpoppen können, die Kolleginnen und Kollegen belasten, ob das gesundheitliche Themen sind, im Privatbereich, ob das dienstliche Themen sind, ob das Geld reicht am Monatsende, um noch einkaufen gehen zu können. Viele, viele Themen. Und das ist ein Antrieb, den ich in mir habe, es einfach für die Kolleginnen und Kollegen leichter zu machen. Und natürlich in schwierigen Zeiten, in denen wir jetzt gerade sind, ist das noch einmal herausfordernd, wobei leicht war es in den letzten Jahren ohnehin nie. Aber es gibt halt immer wieder neue Themenlagen. Und ich denke, man muss nicht poltern, um gehört zu werden. Es ist auch, wenn wir unmittelbar da jetzt in der Nähe vom Sigmund- Freud-Park sind. Aber es gibt ja diesen Spruch und auch das Denkmal, die abgewandelt ein bisschen die Stimme der Vernunft ist leise, aber beharrlich, bis sie gehört wird. Und ich glaube, das ist eine Lebensmaxime, die ich schon auch in mir verinnerlicht habe.
Andrea LeitnerIn Wien wird die Sozialpartnerschaft großgeschrieben, also von der Spitze der Politik abwärts lautet das Credo nicht ohne die hohe Gewerkschaft. Wie würde Christian Meilinger diese Zusammenarbeit von Politik und Interessensvertretung in Wien beschreiben?
Christian MeidlingerVielleicht auch noch eine Anmerkung: Interessensvertretung ist nicht eine Person, es sind viele. Und ich habe immer das Glück gehabt, großartige Teams und Personen um mich zu haben, die gemeinsam sozusagen verhandelt haben und Verantwortung getragen haben. Und ja, Wien ist nicht nur die Stadt der Frauen und eine wunderbare Stadt, sondern auch die Stadt der Interessensvertretung. Und wir haben mit unserem Bürgermeister ja auch jemanden an der Spitze, nicht nur er, viele andere ja auch, die Sozialpartnerschaft nicht nur bei Sonntagsreden erwähnen, sondern Sozialpartnerschaft auch leben. Und Sozialpartnerschaft heißt zuzuhören, heißt aufeinander zuzugehen, heißt nicht immer sich durchzusetzen, ganz im Gegenteil. Das sind durchaus auch harte Gespräche, Verhandlungen, die im Hintergrund auch immer wieder stattfinden. Aber das liegt in der Natur der Sache, jeder hat andere Interessen zu vertreten. Und dieses auf Augenhöhe zugehen, ist etwas, wo wir in Wien schon eine Besonderheit haben. Ich bin ja auch Bundesvorsitzender und erlebe das ja auch in anderen Städten, national wie auch international oder in Kommunen, wo viele sagen, also diesen Zugang, den wir in Wien haben, nämlich miteinander die Stadt zu gestalten, zu verändern, zu verbessern, im Interesse auch der Kolleginnen und Kollegen, das ist eine Ausnahmesituation und dieses Gut müssen wir uns wirklich erhalten.
Andrea LeitnerDu hast es erwähnt, das Gespräch auf Augenhöhe in Wien ist besonders wichtig. Soll auch niemand zurückgelassen werden, ist auch das Credo der Gewerkschaft bzw. der Personalvertretung. Du hast uns auch Aktuelles mitgebracht. Du hast erwähnt, du bist Bundesvorsitzender und auch Vorsitzender in Wien. Was tut sich im Herbst?
Christian MeidlingerIm Herbst tun sich zwei Dinge. Das eine ist, ich beginne der Zeitschiene mit dem Näheren. Mit 1. September wird die Younion Wien mit Bernhard Stoik, einen hervorragenden geschäftsführenden Vorsitzenden in der Younion Wien, haben. Warum ist das so? Wir haben uns entschieden, wir sind viele Babyboomer als Funktionärinnen und Funktionäre, die in den nächsten Jahren auch in den Ruhestand treten werden. Und wir müssen mit diesem Übergang jetzt beginnen. Wissenstransfer einfach ganz wichtig für uns. Wir können es nicht nur fordern von den Dienstgebern, sondern müssen es auch selbst leben. Das heißt, ich werde mich in Wien, was die Gewerkschaftsfunktion betrifft, in der Younion ein bisschen kleiner machen und zurückziehen. Bin aber, wie gesagt, davon überzeugt, dass das jüngere Team mit Bernhard Stoik und Sabine Weismann das großartig meistern werden. Und gleichzeitig habe ich aber vor, noch einmal zum Bundesvorsitzenden zu kandidieren. Das heißt, ich bleibe der Gewerkschaftsbewegung noch ein paar Jahre erhalten. Und die Zeit werden wir natürlich nutzen, die vielen Herausforderungen, die auf uns zukommen, gut zu meistern. Und ich glaube, dass dieser Mix als Erfahrung auf der einen Seite und auf der anderen Seite neuere Zugänge, jüngere, modernere Zugänge, einfach was Gutes ist für die gesamte Organisation.
Andrea LeitnerWas sind derzeit die größten Herausforderungen für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst?
Christian MeidlingerJa, es ist eine ganze Menge. Also wir haben natürlich ein Bundesbudget, das saniert werden muss. Wir wissen, wer es verursacht hat und warum es so ist, wie es ist. Hilft aber auch nichts zu jammern, sondern einfach das Beste daraus zu machen. Und das stellt natürlich Gemeinden, Gemeindebedienstete vor große Herausforderungen. Wir haben zur Stunde rund 50 Prozent der österreichischen Gemeinden, die Abgangsgemeinden sind. Technisch heißt das im Primärsaldo negativ, praktisch Pleite, weil man Kredite aufnehmen muss, um zum Beispiel Personal zu finanzieren und Aufgaben zu erfüllen. Das macht uns gerade große Sorgen, weil viele Kommunen in Österreich Einsparungsprogramme fahren, also von echten Menschen, Kolleginnen und Kollegen, sich zu trennen, nicht mehr aufzunehmen. Wir haben natürlich auch in Wien das Thema und das ist nicht angenehm. Wir wissen es, dass Nachbesetzungen zögerlich stattfinden. Wir wissen, dass wir bei den Mehrdienstleistungen jetzt auf 20% gehen, Freizeitausgleich hat der Herr Magistratsdirektor jetzt einen Erlass verkündet. Und wir merken natürlich, dass der Arbeitsdruck steigt. Und das ist eines der Hauptsorgen, die wir haben. Und auch eine der Hauptforderungen, die wir haben zu diesem Thema. Es wird nicht ohne Aufgabenkritik funktionieren. Also die Frage, ob wir alle Leistungen erbringen müssen als Stadt, so wie wir sie heute erbringen, die Frage, ob wir alle Leistungen gratis erbringen oder zu einem geringen Beitrag der Bevölkerung erbringen, so wie wir sie heute erbringen, wird Thema sein der Zukunft und diese, oder eigentlich der Gegenwart. Und dieses Thema müssen wir aufgreifen, da fordern wir auch von der Politik handeln. Denn wir bringen halt schon Dienstleistungen mit den Bauabteilungen in Qualität von Ziviltechnikern und das kostet den Bürgerinnen und Bürgern nichts. Und da werden wir halt auch den Firmen nichts und da werden wir halt überlegen müssen, ob das so weitergeht. Und das sind die Sorgen der Kolleginnen und Kollegen, die da sind. Und die Frage ist dann immer am Ende des Jahres, wie viel Bescheide sind noch offen, wie viele Akten sind nicht abgearbeitet und man muss einfach sagen, weniger Menschen, die die Arbeit erledigen, weniger Zeit, die dafür zur Verfügung steht, bei gleichem Aufwand oder Mehraufwand. Diese Rechnung geht sich nicht aus und an diesen Stellschrauben müssen wir drin.
Andrea LeitnerChristian Meidlinger hat es schon erwähnt, es gibt auch einen Fachkräftemangel, der betrifft nahezu alle kommunalen Dienstleistungen. Wie muss sich der öffentliche Dienst jetzt verändern, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden?
Christian MeidlingerNaja, uns ist ja gelungen, 2018 in Wien eigentlich Modell für ganz Österreich zu sein, indem wir ein neues Mitarbeitergesetz geschrieben haben, das Wiener Bedienstetengesetz, wo es auch um modernere Bezahlformen geht. Also nicht mehr nur die primäre Qualifikation, die ich mitbringe, sondern vielmehr auf die Tätigkeit bezogen. Das macht uns konkurrenzfähig am Markt, wobei natürlich Superkräfte und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Privatwirtschaft auch immer wieder abgezogen werden. Das ist klar. Aber das zeigt auch und spricht auch für die Qualität unserer Kolleginnen und Kollegen, die in dieser Stadt arbeiten. Und dem Fachkräftemangel, der macht uns auch große Sorgen, denn wir wollen natürlich die Dienstleistungen der Daseinsvorsorge weiter in großartiger Qualität auch abliefern. Denn was am Ende des Tages nicht rauskommen darf, ist, dass der Private herkommt und sagt, es ist eh klar, der öffentliche Dienst schafft diese Leistungen nicht mehr, die Gemeinde schaffen diese Leistungen nicht mehr zu erbringen. Wir als Private können das alles viel besser. Können sie nicht. Die These ist ein Schmarrn, auf gut wienerisch. Es gibt keine Ausgliederung oder Privatisierung, die besser oder was Besseres gebracht hat, als der öffentliche Dienst auch zustande bringt. Und da können wir sehr stolz sein, weil wir großartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Aber wir müssen auch rechtzeitig Ausbildung ausbilden und vor allem auch in die Zukunftsberufe, die wir benötigen, ausbilden. Und das heißt, auch da darf es keinen Stillstand geben. Wir müssen uns überlegen, welche Berufe brauchen wir, in welcher Qualität, in welcher Quantität. Und da müssen wir jetzt beginnen, auszubilden, damit wir auch eine gute Stadtverwaltung 2040 haben.
Andrea LeitnerWie schätzt Christian Meidlinger die Digitalisierung bzw. künstliche Intelligenz, die ja jetzt immer wieder genannt wird als zukünftige Unterstützungshoffnung von Verwaltung, aber auch in der Privatwirtschaft. Wie schätzt Christian Meidlinger hier die Rolle ein? Ist es eher eine Chance oder eher ein Risiko?
Christian MeidlingerAlso sagen wir mal so, wir brauchen uns nicht fürchten davor. Ganz im Gegenteil, es wird einige Bereiche geben, wo die Arbeit erleichtert werden wird, aber man darf auch nicht vergessen, die überwiegende Mehrheit unserer Beschäftigten ist in der Dienstleistung tätig, direkt am Kunden, direkt bei Bürgerinnen und Bürger, ob das im Spital ist, ob das im Kindergarten ist, ob das bei den Verkehrsbetrieben ist, und und und. Das heißt, hier wird Unterstützungsmöglichkeiten geben durch die KI, aber sie wird den Menschen nicht ersetzen können. Also die Betreuung am Bett, in der Pflege, in dem Pflegeberuf, mit den Gesundheitsberufen wird auch trotz aller Computer und Unterstützung von OP-Robotern wird immer der Mensch benötigt werden. Das heißt, der Verwaltungsteil ist eigentlich der kleinste Teil in dieser Stadt an Beschäftigten, auch wenn es viele nicht glauben und hören wollen. Aber es ist so. Und dort wird sich natürlich vieles abspielen, also die Frage von Bescheidmöglichkeiten, die über KI erstellt werden, die Frage von Bauprüfungen, also von Einreichen von Bauplänen bis hin zu Genehmigungen von Bauverfahren und anderen Dingen, ja, da wird die Technik kommen, da wird die Technik unterstützen. Viel mehr oder viel interessanter ist eigentlich, wie kommen wir dorthin, dass wir das auch mit diesen neuen Technologien abarbeiten können. Und das ist auch ein bisschen zur vorigen Frage der Konnex. Denn haben wir auf sich gesehen jene Kolleginnen und Kollegen, die diese Aufgaben mit diesen neuen Werkzeugen auch bedienen können. Das heißt, wir werden nicht stehenbleiben können an Verwaltungsassistenten, wie wir sie vor zehn Jahren ausgebildet haben, sondern wir werden hier modernere Ausbildungen auch brauchen, wir werden hier zeitgemäßere Ausbildungen auch brauchen, damit die Kolleginnen und Kollegen mit diesen Werkzeugen auch umgehen können. Ich habe so ein bisschen die Fantasie, dass das Front Office auch ein bisschen sterben wird. Das ist für viele jetzt wahrscheinlich hart, was ich sage, aber die Frage ist, leisten wir uns Bezirksämter als Folklore oder sehen wir die Zukunft so, wie sie ist, nämlich Frontoffice ist in Wirklichkeit im Handy, im Tablet, im PC. Und dann bleibt noch die Frage über, wie betreuen wir jene Kolleginnen und Kollegen, jene Mitbürgerinnen und Mitbürger, die es nicht schaffen, dem PC zu bedienen, die es nicht schaffen, auf ein Amt zu gehen, weil sie psychisch, physisch nicht in der Lage sind. Und dann muss man sich die Frage stellen, haben wir das richtige Personal dazu und welche Umschulungsmaßnahmen muss die Stadt auch anbieten, damit die Kolleginnen und Kollegen diese Aufgaben erfüllen können? Also ein großer Themenbereich, der mit einhergeht unter diesem kleinen AI- oder KI-Thema, das sich hier gerade auftut.
Andrea LeitnerDas hast du schon erwähnt. Also die Younion vertritt ja viele unterschiedliche Berufsgruppen, Wiener Linien, ins Gefallen, Kindergärten, aber bis zu Pflege- und Gesundheitsberufen. Wo ist derzeit der größte Handlungsbedarf?
Christian MeidlingerNaja, wir haben in vielen Bereichen Handlungsbedarf. Angesprochene Fachkräftebedarf ist enorm. Wir haben, wenn die Zahlen stimmen, bis 2030, 2031 gefühlt, 20.000 Arbeitsplätze nachzubesetzen. Und das trifft alle Berufsgruppen. Also von der Sozialarbeit beginnend bis hin zur Facharbeit, Technik, aber natürlich auch Pflegeberufe, Gesundheitsberufe und Elementarpädagogik. Also ja, man müsste überall fast gleichzeitig sein und die Ärmel hochkrempeln, um hier ausreichend neues Personal zu finden, die uns die Aufgaben erfüllen. Da ist uns ganz wichtig als Younion, dass wir vor allem die eigenen Ausbildungskapazitäten anheben. Also das passiert auch, also das ist ja auch ein Ergebnis gelebter Sozialpartnerschaft, dass hier die Stadt zugehört hat und die Themenlage sehr ernst genommen hat und ernst nimmt. Das heißt, wir bilden Pflegekräfte auf allen Ebenen, ob jetzt Pflegeassistenz, Fachassistenz oder qualifizierte Pflegekräfte, im miettechnischen Bereich, überall sind die Bildungszahlen nach oben gegangen. Auch im elementarpädagogischen Bereich, hier wird ja auch die Kindergartenschule der Stadt Wien in der Patrizigasse im 21. Bezirk gerade neu errichtet, sie wird größer, moderner, schöner. Auch dort bringen wir mehr in Ausbildung hinein. Die Frage der Lehrwerkstätten, die in dieser Stadt ja größer gemacht worden sind, ob das bei den Verkehrsbetrieben ist, also Wiener Linien ist, ob das im Energiebereich ist, ob das in der Stadt ist. Überall sind die Ausbildungskapazitäten in die Höhe gefahren worden. Das ist die gute Nachricht, die schlechte, es geht ja trotzdem nicht aus. Das heißt, wir werden auch vom Marktkolleginnen und Kollegen brauchen. Und das ist auch eine Chance, nicht nur in dieser Stadt zu leben, sondern auch für diese Stadt hier vieles zu tun. Also Fachkräftemangel ist ein Thema und dem werden wir uns auch in den nächsten Monaten und Jahren ganz intensiv widmen.
Andrea LeitnerDu bist seit den 80er Jahren praktisch im Gemeindeverband und hast die Entwicklung wie Administration, wie Verwaltung, wie Services der Stadt sich entwickeln, beobachtet. Was war für dich die größte Veränderung bis jetzt?
Christian MeidlingerAlso es gibt nicht den Zeitpunkt oder dieser Knackpunkt, wo man sagt, und hier ist die Veränderung jetzt am größten spürbar, sondern auf was wir stolz sein können, ist, dass diese Stadt und die Beschäftigten der Stadt hier immer ganz vorne dabei waren und sind. Also wir brauchen auch keinen Vergleich scheuen mit Privatwirtschaft oder mit Privatfirmen, die uns ja da immer so vorgehalten werden, wie wenn dort das gelobte Land wär, ist es nicht. Ich kann, glaube ich, mit ruhigem Gewissen sagen, dass die Beschäftigten der Städte und Gemeinden, und das trifft österreichweit zu, nicht nur Wien, sind großartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und leisten hervorragendes. Und wenn man seine Zahl nur vergleichen möchte, damit man diesen stetigen Fortschritt auch sieht, also wir haben zur Jahrtausendwende, und das ist ja noch nicht so ganz lange her, vor allem für die Diensterfahrenen, dann haben wir in dieser Stadt 1,6 Millionen Einwohner gehabt. Wir haben jetzt 2,036 Millionen Einwohner, wir haben täglich 280.000 Einpendlerinnen und Einpendler in diese Stadt. Das heißt, wir leisten oder wir müssen Vorsorge leisten in der Daseinsvorsorge für rund 2,3, 2,4 Millionen Menschen und das täglich in dieser Stadt. Und jetzt kommt dann die Rechnung und das mit eigentlich keinem einzigen Beschäftigten mehr. Das heißt, hier ist der technologische Wandel, hier ist Rationalisierung, hier sind Prozesse, die besser gestaltet worden sind, alle inkludiert. Und es hat auch noch in den Beschäftigtengruppen Verschiebungen gegeben, weg von der Verwaltung, hin in die Sozialbereiche, hin eben in die Gesundheitsbereiche, hin in den Sozialbereich, in den Kindergartenbereich, in die soziale Arbeit. Auch diese Verschiebung hat intern noch stattgefunden. Das heißt, wir haben rund 25 Prozent mehr an Bevölkerung zu betreuen. Wir haben den gleichen Personalstand und dieser Personalstand ist eigentlich noch intern auch verschoben worden. Und da sieht man schon, wie Mitarbeiter wie Stadt sich bereit ist zu verändern. Stadt sich weiterentwickelt und mit dieser Weiterentwicklung gehen auch unsere Beschäftigten oder geht die Beschäftigten und unsere Mitglieder einher. Denn sie tragen das Ganze. Ohne diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre dieser Fortschritt nicht möglich gewesen.
Andrea LeitnerWas sind die größten Erfolge?
Christian MeidlingerAus gewerkschaftlicher Sicht, doch einiges. Also wir haben, wenn man auch über zehn Jahresvergleiche ansteht und Gewerkschaftsarbeit ist ja jetzt nicht, auch da nicht, der Paukenschlag, wo man sagt, und jetzt ist alles erledigt. Also ich bin nicht Vorsitzender geworden mit einem Zehn-Punkte-Programm und das war dann irgendwann einmal abgearbeitet und fertig. Das wäre eine Lebenslüge, sondern eine Arbeit ist erledigt und zwei Punkte kommen dazu. Aber wir tun bei der Salami, wenn man so sagt, nicht Scheiben runterschneiden, sondern wir geben immer Scheibchenweise dazu, ohne jetzt auch auf Neid und Missgunst darauf zu schauen, ob es jetzt eine Berufsgruppe ein bisschen besser hat als die andere. Aber die großen Erfolge sind natürlich eben, dass wir Privatisierungen verhindern konnten. Das ist ganz, ganz wichtig. Dass wir ein neues Bedienstetengesetz haben, ich habe das schon erwähnt, mit 2018, wirklich als Modell für viele, viele Kommunen und öffentlich Bedienstete in Österreich.
Andrea LeitnerWie macht man es jetzt aus Sicht der Gewerkschaft, dass man junge Menschen für die Gewerkschaft begeistert?
Christian MeidlingerAlso diese Generationenthemen sind und auch geschlechtersspezifische Themen, die sich ja da auch noch verbergen. Also es ist in Wirklichkeit eine Kunst, niemandem etwas richtig zu machen. Also das ist eine schwierige Herausforderung, vor der wir stehen. Und wir schaffen oder wir versuchen halt, möglichst guten Schnittmengen zustande zu bringen. Also Beispiel, wir haben natürlich das Thema, dass vor allem jüngere Kolleginnen und Kollegen gar keinen Wert mehr legen oder weniger Wert mehr legen auf Nachtdienste, weniger Wert legen auf Wochenenddienste. Und daran mussten wir auch reagieren mit Forderungen, wo auch in Wien die Sozialpartnerschaft hervorragend funktioniert hat. Das heißt, wir haben den Für den Arbeitgeber die Nachtdienste verteuert, wir haben die Wochenendienste verteuert, wir haben die Feiertagsdienste verteuert, um eben auch jüngere Kolleginnen und Kollegen, gerade im Gesundheitsbereich oder überall, wo Schichtwechsel- und Turnusdienst notwendig ist, in diese Schichten hineinzubekommen und halt das Schmerzensgeld erhöht und damit auch das Einkommen erhöht. Das funktioniert momentan, das ist eine gute Momentaufnahme, ob das so bleibt, weiß ich nicht, aber auf solche Dinge muss man reagieren. Und natürlich dahinter verbirgt sich auch das ganz große Thema Arbeitszeit. Also wir haben ja auch eine ganz große Arbeitszeitumfrage gemacht. Wir haben über 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragt, was wäre denn zum Beispiel die ideale Arbeitszeit. Und am Ende des Tages muss ich sagen, ich weiß, dass ich nichts weiß, weil jeder sofort Arbeitszeit auf seine individuelle Lebenslage umsetzt. Ob ich Kinderbetreuung habe, ob ich Eltern zu versorgen habe, welchen Hobbys das ich nachgehe, ob ich lieber mehr Abendfreizeit hätte, ob ich in der Früh eher länger schlafe, weil ich halt die Nacht zum Tag machen möchte. Also Dinge verstecken sich da dahinter. Und genauso ist es auch ein Baukastensystem, wo wir als Gewerkschaft versuchen, für jüngere Kolleginnen und Kollegen auch attraktiv zu sein. Und da gibt es unterschiedlichstes. Manche stehen auf die Einkaufskarten vom IKEA, die anderen sind irgendwie froh, wenn sie in der Parfümerie was billiger bekommen. Die dritten, und das sind uns sozusagen auch die Liebsten unter Anführungszeichen, sind die, die schon halt auch als Solidaritäts gründen und das aus dem Wort Solidarität heraus beitreten. Denn natürlich, wir verhandeln ja nicht nur Gehälter, wir geben ja auch Rechtsschutz, wir geben ja auch Hilfe dort, wo es notwendig ist. Wir unterstützen ja auch Eltern, in welcher Konstellation auch immer wegen Kinder in den Schuleintritt vor sich haben. Wir schauen, dass auch Alleinerziehende, Frauen oder Männer, durchaus günstiger in unseren Hotels mit ihren Kindern Urlaub machen können, indem wir auch sagen, es wäre in Viereinhalb Sternqualität, dass Kinder gratis dort Urlaub machen können. Alles das muss ja auch bezahlt werden, gefördert werden, gestützt werden. Rechtsschutz muss bezahlt werden. Unsere Mitarbeiter müssen bezahlt werden, die das ja alles auch entsprechend ausarbeiten und verhandeln gehen. Und aus diesem Baukastensystem versuchen wir natürlich, junge Kolleginnen und Kollegen anzuwerben, beizutreten, das gelingt uns momentan noch immer sehr, sehr gut. Ich bin da sehr zufrieden, was diese Entwicklung betrifft. Könnte immer besser sein, nun auch. Aber wie gesagt, im Großen und Ganzen sind wir da sehr zufrieden. Und was mir wichtig ist, ist auch immer wieder zu erwähnen, es muss nicht unmittelbar die individuelle Hilfe jetzt gerade jeder in Anspruch nehmen müssen oder brauchen, sondern wichtig ist, dass wir als Absicherung da sind und dass wir vor allem auch mit diesen Mitgliedsbeiträgen, die wir einheben, auch jenen Kolleginnen und Kollegen wirklich helfen können. Wenn sich einmal schon mal einer angeschaut hat, was so Arbeitsgerichtsprozesse mit Gutachten kosten, also das geht in die Abertausende Euro, wo auch Versicherungen dann schon aussteigen, wir immer noch sagen, ja, wir geben den Rechtsschutz, weil es uns das einfach wert ist und weil wir einfach unsere Kolleginnen und Kollegen vertreten wollen. Und das funkt bei den Jungen durchaus ganz gut und da bringen wir doch sehr, sehr viel zusammen. Und was wichtig ist, und das ist auch ein Punkt, den man nicht vergessen soll, wir müssen als Gewerkschaft authentisch bleiben. Das nutzt nichts, wenn ich als Großvater zu einem 15-, 16-jährigen jungen Frau oder Mann hingehe, sondern Jugend muss Jugend werben, Frauen müssen Frauen werben, qualifizierte Akademiker müssen Akademiker werben. Und das ist einfach in der Durchlässigkeit und in der Authentizität für uns ganz, ganz wichtig.
Andrea LeitnerWas wünschen sich die Beschäftigten im öffentlichen Dienst derzeit am dringendsten von der Politik und den Dienstgebern?
Christian MeidlingerEin Wort mit vier Buchstaben, Geld. Es fehlt hin und vorne am Geld und ich weiß, dass das schwierig ist und nicht zum Herzaubern ist. Aber ohne finanzielle Mittel werden wir die Daseinsvorsorge so nicht aufrechterhalten können, wie wir sie heute kennen. Und da gibt es seitens der Interessensvertretung und der Gewerkschaft auch Vorschläge dazu. Wir brauchen ein neues Steuersystem. Und ich kann da schon nicht mehr hören, dass die Reichen meinen, sie wollen nichts mehr beitragen und und und. Ganz im Gegenteil. Wir brauchen die Steuern der Reichen, wir brauchen die Abgaben der Reichen, damit wir eben andere Steuern absenken können. Das heißt, wir sind ein Land, wo Vermögen sehr gering besteuert ist, Arbeit sehr hoch besteuert ist. Und jetzt geht es nicht darum, zusätzlich Steuern einzuheben, sondern das Steuersystem zu drehen. Wir brauchen die Steuern von den Vermögenden, um eben Arbeit billiger und günstiger zu machen. Wir brauchen auch Steuern, um Daseinsvorsorge aufrechtzuhalten. Und dazu braucht es Geld für die Gemeinden und Geld für die Gemeindebediensteten, damit wir eben diese Dienstleistungen vom allgemeinen Interesse für die Öffentlichkeit auch weiterhin aufrechterhalten können.
Andrea LeitnerSpannende Perspektive, wenn Christian Meidlinger zehn Jahre in die Zukunft blickt. Wie schaut da für ihn der ideale öffentliche Dienst in Wien aus?
Christian MeidlingerWir haben weiterhin großartige qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir selbst ausgebildet haben, die die Stadt hier selbst ausgebildet hat. Und es wird Veränderungen geben und geben müssen. Das heißt, wir wurde schon angesprochen, KI wird Auswirkungen haben auf unser Arbeitsleben im Verwaltungsbereich, aber auch in den technischen Bereichen. In den Verwaltungsbereichen sehe ich eigentlich große Verwaltungszentren, 4-5 an der Art oder an der Zahl in Wien. Wir werden viele Adressen nicht mehr haben. Aber das Gute ist, diese Arbeitsplätze sind modern ausgestaltet, sie sind barrierefrei, behindertengerecht, sie sind energieautark. Und das Wichtigste wird sein, dass ein U-Bahn-Anschluss unmittelbar gegeben ist, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter öffentlich ihren Arbeitsplatz auch gut erreichen können, aber auch jene Kundinnen und Kunden, die noch ins Amt müssen, und das werden ganz, ganz wenige sein, die auch das Amt gut erreichen können. Ich gehe davon aus, dass die meisten der Bevölkerung 85, 88 Prozent ihre Anliegen mit der Verwaltung digital erledigen werden. Und dann wird es auch so eine Art geben müssen, aufsuchende Gemeindearbeit, nämlich für jene Menschen, Bürgerinnen und Bürger, die das digitale Leben nicht schaffen, die analog in der Welt bleiben, in der analogen Welt bleiben, aber die auch physisch und psychisch, ich habe es ja schon erwähnt, nicht in der Lage sind, Ämter aufzusuchen. Da werden wir Angebote, glaube ich, brauchen, wie wir diese Bevölkerungsgruppen auch entsprechend betreuen können, wie wir diese Bevölkerungsgruppen auch entsprechend servicieren können.
Andrea LeitnerIch habe es eingangs zum Gespräch schon erwähnt. Christian Meidlinger ist als Lehrling bei den Wiener Verkehrsbetrieben eingestiegen. Steht jetzt an der Spitze der Gewerkschaft. Welche Erfahrungen aus der Anfangszeit prägt die Arbeit bis heute?
Christian MeidlingerJa, tatsächlich die Lehrlingsausbildung. Also ich bin ein Kind dieser Stadt, lebe in dieser Stadt, arbeite in dieser Stadt und ich habe mich irgendwann einmal von einem Freund überreden lassen, in dieser Stadt eine Ausbildung zu machen. Und diese Lehrlingsausbildung war so Grundstock und Basis für so vieles. Ich habe dann, wie es aus dem Lebenslauf ersichtlich ist, ja auch weitere Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen genießen dürfen können in dieser Stadt. Aber das Fundament ist in der Lehrlingsausbildung gelegt worden. Und das hat mir ein bisschen die Augen geöffnet, was man alles erreichen kann. Und ich habe auch großartige Ausbildnerinnen und Ausbildner gehabt, die uns auch durchaus mit strenger Hand, aber gezielt auf das Berufsleben vorbereitet haben. Und das ist mir auch ein Anliegen. Also diese Erstqualifikation, diese Aus- und Weiterbildung, die ich ja auch selbst ja gelebt habe, ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin ja auch schon seit längerem WAF-Vorstandsvorsitzender, also Wiener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmerförderungshof Vorstandsvorsitzender. Und dort geht es genau um das. Menschen, die es in der Stadt leben, Kolleginnen und Kollegen, die in der Stadt arbeiten, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen, Umsteigerinnen, Aufsteigerinnen die Möglichkeit geben, auch finanziell unterstützt hier in diese Ausbildungen hineingehen zu können. Denn mehrere Ausbildungen sind ja mehrjähriger und da brauchen die Kolleginnen und Kollegen, die Menschen dieser Stadt auch Unterstützung. Und das ist mir wie gesagt deswegen ein Anliegen, weil sich die Arbeitswelt so dramatisch verändert mit KI, mit der Dekarbonisierung, mit dem Klimawandel, der ja auch die Arbeitsplätze betrifft und der ja nicht nur die Bäume betrifft und die Straßen betrifft, sondern auch die Menschen, die dahinter stecken, arbeiten, aber auch diese Dienstleistungen erbringen müssen oder auch unter diesen erschwerten Bedingungen leiden müssen. Und daher ist die Erstausbildung und diese Lehrlingsausbildung für mich so prägend gewesen, weil sie mein gesamtes Leben, ich hoffe doch positiv and gut beeinflusst hat, aber auch aufgezeigt hat, welche Schwächen es gibt im System, welche Themen, an denen wir arbeiten müssen, wo es halt keinen Stillstand geben darf. Denn es nutzt nichts, wenn man ein Nachrichtentechniker, so wie ich bin, nach wie vor das W-System 48, das in der Nachkriegszeit in der Post angewandt wurde, lernt. Nein, wir müssen auf die neuen Dinge eingehen. Digitalisierung, Umwelt, Klima, Dekarbonisierung und und und. Und da gibt es viel zu tun. Und diese prägende Erstausbildung ist in mir hängen geblieben.
Andrea LeitnerVielen Dank, lieber Christian Meidlinger, für dieses Gespräch.
Christian MeidlingerVielen Dank für die Einladung.
Silvo GasserZu Gast bei Andrea Leitner war Christian Meidlinger.
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